Feb 152007
 

Wie ich bereits im ersten Teil der Betrachtungen über das Buch „Über die Freiheit“ von John Stuart Mill schrieb, ist dieses Werk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts auch heute immer noch von beinahe beängstigender Aktualität. So äußert sich Mill beispielsweise über die freie Entwicklung der Persönlichkeit als Grundlage von Wohlfahrt, Zivilisation und Kultur:

Wenn man sich klar darüber wäre, daß die freie Entwicklung der Persönlichkeit eine der Hauptbedingungen der Wohlfahrt ist, daß sie nicht nur auf einer Stufe steht mit dem, was man mit den Ausdrücken Zivilisation, Ausbildung, Erziehung, Kultur, bezeichnet, sondern in sich selbst ein notwendiger Teil davon und Bedingung all dessen ist: dann bestünde keine Gefahr, daß man die Freiheit unterstützt, und die Grenzziehung zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Regelung böte keine besonderen Schwierigkeiten. Aber das Schlimme ist, daß persönliche Selbstbestimmung von durchschnittlich Denkenden kaum als etwas innerlich Wertvolles oder etwas, das um seiner selbst willen Beachtung verdient, anerkannt wird.Die Mehrheit ist mit dem Treiben der Menschen, wie es heute eben ist, einverstanden (da sie selbst es zu dem macht, was es ist!) und kann daher nicht verstehen, warum dies nicht für jeden einzelnen genug sein sollte. Was noch schlimmer ist: Selbstbestimmung gehört nicht zum Ideal der Sittlichkeitsapostel und Gesellschaftsreformer, sondern wird eher mit Eifersucht von ihnen betrachtet als ein störendes und vielleicht sogar rebellisches Hindernis gegen die allgemeine Aufnahme dessen, was diese Reformer nach eigenem Urteil als das Beste für die Menschheit ansehen.

Da wird einem bei dem Gerede um den ver- oder vorsorgenden Sozialstaat, bei der Diskussion über die Gesundheitsreform oder bei der Umsetzung von Gleichmacherei mit dem neuen schleswig-holsteinischen Schulgesetz ein wenig Bange um die Grundlagen unseres Gemeinwesens. Denn bei all diesen Beispielen blendet der aktuelle Diskurs die Notwendigkeit der Selbstbestimmung des Einzelnen – verbunden auch mit einer entsprechenden Eigenverantwortung – fast komplett aus. Stattdessen versteigen sich Staat und Politik immer mehr dazu, alles regeln und vorschreiben zu müssen.

Kommentare sind derzeit nicht möglich.