Nov 272007
 

Ralph Giordano ist zur Zeit ja eher wegen seines Engagements gegen die geplante Großmoschee in Köln im Gespräch und muss sich dort mit seiner Haltung auch einiger Kritik stellen. Doch gestern las der Schriftsteller im Rahmen der Reihe „Politische Literatur im Landtag“ aus seinem Buch „Erinnerungen eines Davongekommenen“.

Um es kurz zu machen: Es war eine beeindruckende und bewegende Veranstaltung. Der 84-jährige Giordano las gut 90 Minuten mit einer schier unglaublichen Präsenz und zog die ungefähr 350 Zuhörer im Plenarsaal in seinen Bann.

Gerade in den Passagen aus seiner Jugend im Nazideutschland hätte man ohne Probleme die berühmte Stecknadel fallen hören können. Und was er schilderte, war so unglaublich, dass man es nicht hätte erfinden können. Während der Passus, in dem beschreibt, wie er den Autoren Hans-Jürgen Massaquoi („Neger, Neger, Schornsteinfeger!„) beim „Kloppen“ in Hamburg kennen lernt, eher eine nette Anekdote darstellt, nehmen einem die Schilderungen der Sorge um die Mutter und die Befreiung Hamburgs durch die Engländer schlicht die Luft.

Auch Giordano ringt bei diesen Passagen, die er mit Sicherheit nicht zum ersten Mal öffentlich liest, um Fassung, kämpft mit den Tränen, als er zum einen erzählt, wie er kurz davor stand, seine Mutter im Versteck aus Angst, sie würde in die Hände der Gestapo fallen, zu erschießen, bevor sich die Situation Sekunden vor der Entscheidung noch zu Guten wendet. Ebenso starke Gefühle sind ihm anzumerken, als er schildert, wie sich die fünfköpfige jüdische Familie Giordano völlig entkräftet sprichwörtlich auf den Brustwarzen aus ihrem Versteck zur Straße schleppt, auf der die englischen Panzer nach Hamburg einrücken.

Hinter der Dramatik dieser Ausschnitte stehen – das muss man so klar sagen – die Schilderungen seiner Arbeit als Reporter, seine Beschreibung der deutschen Wiedervereinigung und sogar das Bekenntnis zum Tod seiner Frau durch aktive Sterbehilfe klar zurück. Nicht, weil sie nicht die nötige Qualität aufwiesen, sondern einfach weil die Aufarbeitung der Nazizeit selbst einem Spätgeborenen wie mir derart unter die Haut gehen, wie es andere Passagen einfach nicht können.

Unter dem Eindruck dieser Lesung muss ich gestehen, bekommt seine ungehaltene Rede „Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem!“ ein ganz anderes Gewicht. Jemand, der sich sein Recht auf Leben buchstäblich erkämpfen musste, hat dann auch die Freiheit, den Anfängen auf diese Art wehren zu wollen.

Ein ganz besonderer Dank für diesen denkwürdigen Abend geht an Jan-Hendrik, der mich auf die Veranstaltung hingewiesen hat…

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