Jan 162008
 

Es gibt so Tage, da…, da… – naja, was soll ich sagen – da zweifle ich daran, Mitglied einer liberalen Partei zu sein. Heute ist so einer, und wie sollte es anders sein: Unsere MdB Christel Happach-Kasan erklärt wieder einmal, dass ihr der Wille der Bürger, was diese denn an Nahrungsmitteln zu sich nehmen wollen, so ganz herzlich egal ist. Das ist auch ein Weltbild, aber glücklicherweise nicht meines. Besonders schlimm ist dabei allerdings ihre fast schon Koch-eske Argumentation.

Deshalb hier einmal die Pressemitteilung in der Komplettkommentierung:

HAPPACH-KASAN: „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung verschleiert: Gentechnik ist bereits in aller Munde

Pressemitteilung vom 16.01.2008
Thema: Verbraucherschutz Landwirtschaft

BERLIN. Zur heutigen Anhörung zur „Neuartigen Lebensmittelverordnung““im Agrarausschuss des Deutschen Bundestags erklärt die Gentechnik-Expertin der FDP-Bundestagsfraktion Christel HAPPACH-KASAN:

Die so genannte große Koalition plant mit ihrer Änderung der Bestimmungen für die „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung eine große Verbrauchertäuschung. Dies ist das Ergebnis der Bundestags-Anhörung.

Die Form der Kennzeichnung ist vielleicht nicht perfekt, aber sie ist immerhin besser, als das, was wir vorher hatten: Keine Kennzeichnung. Aber vielleicht erklärt Frau Happach-Kasan irgendwann noch einmal, wie denn der mündige und interessierte Bürger – immerhin die Idealvorstellung des liberalen Weltbilds – sich sonst informieren soll, wenn er keine oder zumindest möglichst wenig gentechnisch manipulierte Nahrung zu sich nehmen möchte.

Das Kennzeichen heißt „Ohne Gentechnik“, tatsächlich jedoch wird damit der Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel in den letzten Lebensmonaten der Tiere ausgelobt, ohne dies tatsächlich garantieren zu können. Die Verfütterung von den vielfach verwendeten Futtermittelzusatzstoffen, die in aller Regel mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden, bleibt ohne Auswirkung auf die Kennzeichnung. Das ist eine grobe Irreführung der Verbraucherinnen und Verbraucher. Nicht mehr Transparenz, sondern weniger Transparenz über die Herstellung von Lebensmitteln wird die Folge sein.

Diese Feststellung ist so falsch nicht. Dann sollte Frau Happach-Kasan konsequenterweise fordern, dass die Richtlinien zur Kennzeichnung schärfer gefasst werden. Jedenfalls, wenn sie möchte, dass der Verbraucher sich selbstbestimmt entscheiden kann.

Die Koalition will die Verbraucherinnen und Verbraucher darüber hinwegtäuschen, dass seit langem Produkte der Gentechnik in aller Munde sind. Die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ soll dies verschleiern.

Der Verbraucher nimmt also ohne es zu wissen gentechnologisch manipulierte Lebensmittel zu sich. Das weiß unsere Bundestagsabgeordnete. Und anstatt jetzt lautstark zu fordern, dass dieser unhaltbare Zustand beendet wird, fordert sie, dass die – vielleicht halbherzigen – Bestrebungen zur Verbesserung eingestellt werden. Warum, wird im abschließenden Absatz deutlich:

Anders als die Befürworter der Aufweichung der Kennzeichnung es wortreich darstellen, ist somit nicht Transparenz das Ziel dieser Änderung, sondern eine Veränderung des Verbraucherverhaltens. Es soll die Nachfrage nach Futtermitteln von nicht gentechnisch veränderten Pflanzen stimuliert werden. Zurzeit übersteigt das Angebot die Nachfrage. Im Klartext heißt das: Es geht nicht um Transparenz, sondern um Verbraucherbevormundung.

Ich fasse zusammen:

  • Das Angebot an nicht gentechnisch veränderten Pflanzen übersteigt die Nachfrage. Ergo: Wir brauchen keine Gentechnik, um einem Mangel an Futtermitteln abzuhelfen. Hatte ich auch schon anders gehört – aber schön, dass ausgrechnet eine erklärte Gentechnik-Verfechterin das einmal so deutlich klarstellt.
  • Die Verbraucher essen bereits jetzt Nahrungsmittel, die unter Einsatz gentechnisch manipulierter Pflanzen hergestellt werden („Gentechnik ist bereits in aller Munde.“). Gleichzeitig fürchtet Frau Happach-Kasan, dass durch die Kennzeichnung der Absatz von Produkten auf Basis gentechnisch unveränderter Pflanzen „stimuliert“ wird. Ergo: Viele Verbraucher nehmen gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel zu sich und wollen das offenbar gar nicht.
  • Wenn Verbraucher über ein Kennzeichnungssystem eine bessere – zugegebenermaßen: keine optimale – Entscheidungsmöglichkeit erhalten, selbst zu entscheiden, was sie essen möchten, ist das Verbraucherbevormundung. Ergo: In Augen von Frau Happach-Kasan ist es keine Verbraucherbevormundung, wenn man ihnen die Information darüber vorenthält, was die verzehrten Nahrungsmittel enthalten, sie also kritiklos alles das schlucken müssen, was ihnen angeboten wird.

Ich kann diese Form der Argumentation nur als zynisch bezeichnen. Ich werde mich immer dagegen wehren, wenn irgendwelche grünen Gutmenschen mir vorschreiben wollen, was ich gefälligst alles nicht zu essen habe. Aber genau so widerwärtig finde ich es, wenn jemand verlangt, dass ich möglichst keine Informationen erhalten soll. Damit ich eben all das in mich hineinstopfen muss, was ich in Kenntnis der Umstände freiwillig niemals essen würde.

Die Entscheidung darüber, was ich zu mir nehme, möchte ich für mich allein und eigenverantwortlich treffen. Und über die Gründe für meine Entscheidung bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich also – wie offenbar nach Einschätzung der FDP-Politikerin viele andere auch – keine gentechnisch manipulierten Lebensmittel zu mir nehmen möchte, dann erwarte ich von einer Bundestagsabgeordneten, die auch nur den Anschein von Liberalität erwecken möchte, dass sie sich dafür einsetzt, dass ich das kann. Gentechnik-Stalinisten gefallen mir weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Bevormundung und Lehrmeistermentalität sollten wir den anderen Parteien überlassen. Das Angebot dafür ist dort bereits groß genug.

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